Die Welt umwandeln

Früher, als noch keine Pandemie war, war die Vorweihnachtszeit ja schon stressig genug. Trotz aller religiösen Appelle an mehr Besinnlichkeit. Da bin ich an Heiligabend zu später Stunde im besten Fall glücklich, aber eigentlich immer erschöpft in die Sofakissen gefallen. Jetzt kommen in dieser Zeit der Vorbereitung zum zweiten Mal die Sorgen dazu. Wie viele werden dieses Mal krank? Wie viele werden sterben? Wie hoch ist die Gefahr, dass auch ich mich anstecke? Und was hat das alles für Folgen für unsere Gesellschaft?

Die Infektionszahlen, der bange Blick auf die Maßnahmen, die ergriffen werden, die stete Frage, ob sie reichen werden. Das ist doch alles too much, möchte ich auf neudeutsch seufzen, das ist doch alles zu viel. Und ich sehne mich nach dem Kommen Gottes in einer Weise, wie ich es nie für möglich gehalten habe, so wie es im Jesajabuch beschrieben ist:

„Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht.“ (Jesaja 63, 19b)

Das Volk Israel sehnte sich damals nach dem Neubau des Tempels, nach der Rückkehr in ihr Land, nach einer neuen Zeit, in der sie Gott wieder spüren würden. Ich sehne mich nach einem Weihnachtsfest, das die Welt umwandelt, dass wir als Menschen zusammenkommen, die Pandemie besiegen, zusammenfinden angesichts der drohenden Katastrophen.

Hätte ich früher gesagt: „Ich brauche einfach nur ein Bisschen Ruhe und ein Bisschen Frieden“, sage ich heute: „Ich brauche Kraft!“ Denn mir wird immer klarer, dass ein Bisschen Ruhe und Frieden nicht mehr reicht, nicht für die Ärztinnen und Ärzte, für Pflegerinnen und Pfleger auf den überfüllten Intensivstationen, nicht für unsere Kinder, die so sehr unter der Pandemie gelitten haben, nicht für all diejenigen, die sich tagtäglich in Gefahr begeben, um für andere da zu sein. Nein, diese Menschen dürfen nicht gering geachtet werden, weder sie, noch die Natur, noch all die armen Menschen dieser Welt. Es braucht einen dauerhaften Wandel und Kraft, um diesen auch zu schaffen.

Ich mache die Worte aus dem Jesajabuch zu meinen eigenen und rufe, ja schreie sie laut: „Ach, Gott, dass du den Himmel zerrissest, den wir uns mit unseren Illusionen aufgebaut haben und der dich von uns fernhält und führest herab, dass die Berge unserer Selbstzufriedenheit vor dir zerflössen, dass du wie Feuer den Reisig unserer verdorrten Herzen entzündest, wie Feuer das Wasser unseres Zusammenhalts sieden machst!“

Ja, ich sehne mich nach dem Kommen Gottes, danach, dass sich das Schicksal unserer Welt wendet und dass ich selbst wach werde, für das, was ich tun kann. Keine Sofakissen dieses Jahr, sondern neue Energie!

Diese Andacht von mir ist gestern am zweiten Advent auch in der Evangelischen Sonntagszeitung von Hessen und Rheinland-Pfalz erschienen. Hier könnt Ihr sie Euch anschauen:

Bild: Wind, Wasser und Feuer in einem Leporello zum Sonnengesang von Franz von Assisi auf meinem Schreibtisch von der Künstlerin Friederike Rave.

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