Karfreitag 2021

Aus meiner Predigt:

Jesaja hätte wahrscheinlich gerne eine andere Geschichte erzählt, als die von einem leidenden Menschen in seinem sogenannten „Gottesknechtslied“. Hätte sich einen anderen Erlöser gewünscht. Einen starken Helden vielleicht. Er findet ungewöhnliche Vergleiche und sagt von dem Menschen, den er beschreibt:

„Er schoss auf, wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.“ (Jesaja 53,2)

Da kam etwas, aber es hat uns nicht gefallen. So ging es mir im letzten Jahr. Da kam etwas über uns, unaufhaltsam, aber es gefiel uns nicht.

Mein Bruder arbeitet als Gärtner und Baumpfleger. Er kümmert sich auch um Bäume, die krank sind. Das bedeutet manchmal auch, dass sie gefällt werden müssen, weil sie sonst drohen, auf etwas draufzustürzen. Wenn er kann, lässt er so viel Totholz stehen, wie es nur irgendwie geht, erzählt er mir. Das sieht dann vielleicht nicht unbedingt schön aus, so ein toter Baumstamm, aber „man kann wunderschöne Rankpflanzen und Kletterblumen an dem toten Baumstamm pflanzen und man lässt einen Raum, in dem so viele kleine Tiere eine Heimat finden.“ Er fängt an, richtig zu schwärmen. Fast so, als sei ein toter Baumstamm schöner, als der Baum selbst.

Sterben geschieht. Wir sehen die Zahlen der Toten. Wir sehen wie Menschen leiden unter der Isolation. Vielleicht gehören sie sogar zu unseren Familien. Es braucht einen Tag der Klage, wie heute, um das alles zu verarbeiten.

Und gleichzeitig keimt in mir Hoffnung, dass da Leben ist, wo wir es nicht vermuten, dass Gott dort ist, wo wir es nicht vermuten.

Ich möchte dieses Jahr warten auf Ostern. Nicht, um es einfach nur als Fest zu feiern, weil man das eben so macht, wie vielleicht all die Jahre zuvor. Sondern, um zu warten darauf, dass Leben möglich wird, wo ich es vielleicht nicht vermute.

Oder, wie Jesaja es sagen würde:

„Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.“ (Jesaja 52,15)

Bild: Holzkreuz in meinem Büro

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